Barbie – eine Meinung und Analyse aus männlicher Sicht

Bild: Warner Brothers

Gestern habe ich den Barbie Film mit meiner Freundin und meiner Mutter gesehen und habe das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Der Film hat im Netz hohe Wellen geschlagen und trifft auf große Begeisterung bei vielen Menschen. Auf der anderen Seite gibt es auch viele Leute, die den Film als männerfeindlich auffassen. Nachdem ich mir nun selbst ein Bild gemacht habe möchte ich gerne sagen: wer den Film als männerfeindlich betrachtet, der möchte den Film wahrscheinlich auch einfach so sehen.

Ich selbst war gleichermaßen überrascht wie begeistert davon, wie vielschichtig dieser Film doch an so viele Themen herantritt, dass ich nicht dazu schweigen kann. Doch ich greife vor.

Der Film Barbie handelt von der weltbekannten Puppe, die in ihrer eigenen Welt mit allen Versionen ihrer selbst und allen Versionen ihres Partners Ken zusammen lebt. Inszeniert wurde der Film von Greta Gerwig, die damit bei ihrem dritten Spielfilm nach Lady Bird und Little Women alleine die Regie führt (bereits 2008 saß sie auf dem Regiestuhl, damals gemeinsam mit Joe Swanberg). Der Film ist eine Komödie, die in der Barbiewelt sehr surrealistisch dargestellt wird. Entgegen der vermeintlichen Erwartungen, wenn ein Film über ein Spielzeug gedreht wird, ist der Film nicht so sehr ein Kinderfilm, sondern entpuppt sich eher als eine Studie über die Gesellschaft, Geschlechterrollen und Konzepte wie Matriarchat und Patriarchat.

An dieser Stelle warne ich: im Text ist mit starken Anflügen vor Spoilern zu rechnen.

In Barbieland leben alle Versionen von Barbie und Ken zusammen und führen ein scheinbar perfektes Leben. Eines Tages beginnt Stereotyp-Barbie Angstgefühle zu entwickeln und ihr Alltag gerät aus den Fugen. Hilfe findet sie bei der komischen Barbie, mit der zu hart gespielt wurde. Sie rät Barbie in die reale Welt zu gehen, das Mädchen zu suchen, das mit ihr gespielt hat und sie wieder glücklich zu machen. Auf ihrem Weg wird Barbie von Beach Ken begleitet. Sie landen in Los Angeles und sehen sich mit einer Welt konfrontiert, die sehr gegenteilig zu ihrer eigenen wirkt. Ken entdeckt, dass die echte Welt von Männern dominiert wird, also das Patriarchat herrscht. Er freundet sich mit der Idee an und bringt das Patriarchat nach Barbieland.

Barbie trifft derweil auf Sasha, das Mädchen von dem sie glaubt, dass sie mit ihr gespielt hat. Doch Sasha entpuppt sich überhaupt nicht als Fan der Barbiepuppe und sieht große Probleme in ihrer Darstellung. Von Sasha zurückgewiesen ist Barbie völlig niedergeschlagen und desillusioniert. Da wird sie von Agenten der Herstellerfirma Mattel gekidnappt. Der ausschließlich männliche Vorstand befürchtet schlimme Konsequenzen durch ihre Präsenz und will sie zurückschicken. Barbie flieht mithilfe von Ruth Handler, der Erfinderin von Barbie. Sashas Mutter Gloria, die ebenfalls bei Mattel arbeitet und ihre Tochter von der Schule abholt, wird von dieser auf Barbie hingewiesen und hilft ihr bei der Flucht. Es stellt sich heraus, dass Gloria das Mädchen ist, das mit Barbie gespielt hat. Sie hat ihre negativen Gefühle in persönliche Zeichnungen von Barbie einfließen lassen und damit die Veränderungen verursacht. Gemeinsam kehren die drei Frauen ins Barbieland zurück, das inzwischen von den Kens zu Kendom umgeformt wurde. Sie stellen fest, dass die anderen Barbies einer Gehirnwäsche unterzogen wurden und es gelingt ihnen, diese aufzuheben, indem sie die Diskrepanzen der Erwartungen an sie als Frauen aufzeigen. Sie wiegeln die Kens gegeneinander auf und können so Kendom zurückerobern. Beach Ken, der ohne Barbie nicht weiß, wer er ist, erlebt eine Identitätskrise. Die Barbies können sich jedoch mit den Kens versöhnen und die Kens sollen in Zukunft nicht mehr bloße Anhängsel sein, sondern ihre eigene Persönlichkeit entwickeln dürfen. Die Stereotyp-Barbie hingegen verlässt Barbieland, um ein Mensch in der echten Welt zu werden.

Alle Darsteller liefern bis in die kleinste Rolle gute Leistungen ab, die sich letztlich alle die Frage nach ihrer Identität stellen. Dass sie dabei auch noch eine Menge Spaß haben, ist ihnen in jeder Sekunde anzusehen.

Die Stereotyp-Barbie wirkt zunächst wie der Mittelpunkt von Barbieland. Hier wo jeder Tag im Grunde gleich abläuft und jeder Tag perfekt ist, begleitet der Zuschauer sie durch ihre Morgenroutine und lernt auch die anderen Figuren kennen. Die Barbies sind sich ihrer Rolle als Puppen ebenso bewusst, wie der Tatsache, dass es neben ihrer noch eine echte Welt gibt. Als Zuschauer verfolgen wir vor allem ihre Geschichte und Entwicklung. Doch so offensichtlich die Wahl auch wirkt, die Stereotyp-Barbie in den Mittelpunkt der Geschichte zu setzen, so sinnvoll ist dies auch. Die Stereotyp-Barbie hat kein besonderes Feature, wie es die anderen Barbies haben. Sie ist keine Präsidentin, keine Astronautin, keine Handwerkerin, so wie es die anderen Barbies sind. Aber sie ist das Original. Sie ist eine leere Leinwand, auf der die Mädchen, die mit ihr spielen, ihre Ideen und ihre Identität projizieren können. Tragisch daran ist allerdings, dass sie selbst dadurch kein Alleinstellungsmerkmal und keine Persönlichkeit besitzt. Natürlich wurde ihr für den Film eine Persönlichkeit gegeben. Sie ist die Barbie, die die Welt zusammenhält. Von ihr aus sind all die anderen Ideen abgeleitet, all die anderen Barbies existieren nur ihretwegen. Sie ist die Inspiration. Für alle anderen ist das etwas Wundervolles. Doch am Ende des Filmes erkennt sie, dass sie mehr sein will. Sie will ein Mensch werden. Nicht perfekt, aber dafür mit eigener Identität und eigener Wirkkraft.

Und damit steht sie nicht alleine da. Alle Figuren wollen eine eigene Wirkkraft. Am stärksten über den Film verteilt kann man dies bei Ken sehen – der Variante, die von Ryan Gosling dargestellt wird. Während Barbie im Rampenlicht steht, fristet er ein Dasein in ihrem Schatten. Seine Welt wird von Frauen regiert und er lebt nur für sie. Es ist also wenig überraschend, dass er sich für die Idee des Patriarchats so schnell begeistern kann. In der echten Welt, wo Männer das Sagen haben, wird er plötzlich respektiert, einfach für das, was er ist – ein Mann. Doch gleichzeitig kann er nicht einfach tun und lassen, was er will. Zwar wird die Welt von Männern regiert, doch um ein Arzt zu sein benötigt man immer noch das Fachwissen und einen Abschluss. Geblendet von den Möglichkeiten, die eine von Männern regierte Welt ihm bietet, will er ein neues Patriarchat gründen, eines das noch nicht so weit entwickelt ist, wie das in der echten Welt. Er kehrt also nach Barbieland zurück und etabliert seine eigene Version des Patriarchats. Die Kens haben nun also das Sagen und die Barbies dürfen sich darin sonnen, dass sie ihren Verstand einfach mal abschalten.

Während Barbie erst im Laufe des Filmes an die Frage nach ihrer Identität geführt wird und erst einmal feststellen muss, dass die Welt nicht so funktioniert, wie sie dachte, wird Ken direkt mit der Frage konfrontiert, wer er ist und sein will. Er hatte nie die Gelegenheit gehabt, sich aus Barbies Schatten heraus zu entwickeln. Selbst als sie in der echten Welt sind, fragt er sie um Erlaubnis, sich zu entfernen, während sie nachdenkt. Ab hier beginnt sein Wandel. Die Begeisterung für die Möglichkeiten, die er hat.

Ken übernimmt in der Geschichte die Rolle des Antagonisten, jedoch nicht aus Böswilligkeit, oder weil er als Mann schlecht sein muss. Er bemerkt durch seinen Besuch in der echten Welt, dass er bisher nicht frei war. Nun möchte er dieses neue Erlebnis mit den anderen teilen und seine eigene Identität entwickeln. Dass er nicht verstanden hat, was das Patriarchat eigentlich bedeutet, wird noch klar, während er in der echten Welt ist.

Sowohl das Patriarchat als auch das Matriarchat sind Systeme mit Opfern. Dass das Patriarchat, das Ken etabliert, für die Barbies zum Nachteil wird, erkennt man sofort. Immerhin haben sie sich zuvor in der Machtposition befunden. Andersrum ist den Kens zuvor nicht klar, dass sie nicht frei sind. Sie hatten keinen Vergleich und das Narrativ in Barbieland war, dass Mädchen alles werden können. In der echten Welt werden sie nun damit konfrontiert, dass es auch eine Umkehr der Situation geben kann. Und während Ken nun seine Möglichkeiten austestet, fühlt sich Barbie sehr schnell unwohl bei den Blicken der sie umgebenden Männer.

Unter den männlichen Figuren gibt es die Kens, die nur für ihre Barbies leben. Daneben existiert Allan, Kens bester Freund, von dem es allerdings nur eine Version gibt. Er kann dem Patriarchat, das Ken etabliert, nichts abgewinnen und schlägt sich schnell auf die Seite der Barbies. Darüber hinaus gibt es mit dem Vorstand von Mattel eine Gruppe von Männern, die sich für die Stärke der Frauen aussprechen, selbst aber keinen Kontakt zu ihnen pflegen. Es gibt keine Frau in der obersten Etage, abgesehen von Gloria, die als Sekretärin dort arbeitet.

Unter den Frauen gibt es natürlich die Barbies, die vorausgehen, glauben, dass ein Mädchen alles erreichen kann, was sie will und insgesamt sehr optimistisch sind. Dazu gesellen sich dann mit Sasha eine Teenagerin, die die Rollenverteilung in der echten Welt sehr viel negativer sieht. Und auch die Darstellung von Barbie findet sie eher furchtbar. Während Barbie nämlich der Meinung ist, Mädchen zu inspirieren, sieht Sasha an ihr nur einen unerreichbaren Perfektionismus, an dem jedes Mädchen scheitern muss. Das Bindeglied zwischen beiden ist Sashas Mutter Gloria. Sie kennt die Welt in der sie lebt und hat eines Begriffen: Die Ansprüche an die Frauen sind so widersprüchlich, dass es im Grunde unmöglich ist, eine Frau zu sein.

Zuletzt gibt es noch die komische Barbie. Ihre Besitzerin hat zu heftig mit ihr gespielt, ihr eine neue Frisur verpasst und mit Buntstiften markiert. Nicht zuletzt ist sie auch gezwungen ständig einen Spagat zu machen. Sie ist die einzige Barbie, die etwas über die echte Welt weiß und wird Stereotyp-Barbies erste Mentorin, die sie auf die Reise schickt.

Kens Patriarchat wird durch die Barbies dadurch beendet, dass sie die Kens gegeneinander aufwiegeln. Am Ende wird das Matriarchat wieder eingesetzt und den Kens wird mehr Freiheit und auch Verantwortung übertragen. An dieser Stelle spiegelt der Film die Realität umgekehrt wider. Auch im Patriarchat unserer Welt wird den Frauen mehr und mehr zugestanden. Allerdings in sehr kleinen Schritten, die sie sich hart erkämpfen müssen.

Die größte Schwachstelle im Film ist die etwas einseitige Darstellung, dass wer immer nicht an der Macht ist, darunter leidet. Im Matriarchat werden die Männer zu Accessoires degradiert und im Patriarchat die Frauen. Soweit so richtig und gut dargestellt. Ich für meinen Teil hätte mir noch gewünscht, dass auch die Probleme für das jeweils herrschende Geschlecht gezeigt wird. Zumindest im Patriarchat leiden auch viele Männer, die nicht den Vorstellungen der Männlichkeit entsprechen. Dies wird im Film mit Allan zwar angedeutet, kommt jedoch etwas kurz. Gleiches gilt auf der matriarchalen Seite für die komische Barbie. Sie ist nicht so perfekt, wie die anderen Barbies und wird dadurch ebenfalls gemieden.

Zugutehalten muss man diesen beiden Darstellungen allerdings, dass sie, obwohl sie die Außenseiter der Barbiewelt sind, in sich gefestigte Charaktere sind. So fühlt sich die komische Barbie, zumindest nicht sichtbar, nicht verletzt von ihrem Namen und auch nicht ausgegrenzt. Und Allan kann mit dem Patriarchat zwar nichts anfangen, sich körperlich allerdings sehr gut gegen eine ganze Gruppe von Kens behaupten, die verhindern wollen, dass er mit Gloria und Sasha aus Barbieland flieht.

Diese beiden Charaktere sind die Antithesen zu den restlichen Barbiewelt Bewohnern und leiden ein wenig darunter, dass sie keine größeren Entwicklungsmöglichkeiten haben. Wobei gerade die komische Barbie zumindest eine wichtige Rolle bei der Zurückeroberung spielt. Immerhin ist sie durch ihre Andersartigkeit immun gegen die Gehirnwäsche der Kens. Allan dagegen ist, für mein persönliches Empfinden, nicht stark genug beleuchtet.

Doch das ist verzeihbar, da der Film sich die Mühe macht, keines der Geschlechter an sich zu verteufeln oder zu erheben. Vielmehr zeigt er die Schwierigkeiten, vor die unausgereifte Machtstrukturen die Gesellschaft stellen. Weder das Matriarchat noch das Patriarchat sind geeignet, um alle Menschen unter sich zu vereinen. Wo Macht herrscht, gibt es auch immer Unterdrückung.

Insgesamt ist der Film Barbie ein überraschend vielschichtiges Portät über die Geschlechterbilder, die die Gesellschaft uns aufzwingt. Der Film ist feministisch im besten Sinne und schafft es, die Männer nicht zum allgemeinen Feindbild zu machen. Die Entwicklung von Ken, der vom Begleiter zum Antagonisten wird und schließlich einen erlösenden Moment hat, ist beispielhaft. An dieser Stelle möchte ich besonders das Schauspiel von Ryan Gosling hervorheben, der Ken mit einer fröhlichen Naivität mimt und dessen Beweggründe sichtbar ausgearbeitet sind, so dass seine Entwicklung gut nachvollziehbar ist. Und auch Margot Robbie spielt ihre Barbie immer nahbar und absolut menschlich, ohne dass man vergisst, dass man es hier eigentlich mit einer Puppe zu tun hat. Darüber hinaus ist der Film bis in die kleinste Nebenrolle wunderbar besetzt und man merkt es den Darstellern an, wie viel Spaß sie bei dem Dreh gehabt haben müssen.

Für mich ist Barbie ein wunderbarer Film, der es geschafft hat, dass ich als Mann mich mit mehreren Figuren identifizieren konnte. Insbesondere mit Ken, Allan und Gloria.


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